Problematischer Alkoholkonsum von zu versorgenden Personen ist im beruflichen Alltag nicht immer offensichtlich. Eine Person trinkt beispielsweise häufiger als früher oder greift nach belastenden Tagen zunehmend zu Alkohol. Nach außen wirkt zunächst alles unauffällig: Sie bewältigt ihren Alltag, geht zur Arbeit, kümmert sich um ihre Familie.
Wie lassen sich solche Beobachtungen einordnen? Für Mitarbeitende im Gesundheits- und Sozialwesen ist dabei vor allem eines wichtig: Nicht jeder problematische Alkoholkonsum ist eine Alkoholabhängigkeit. Umgekehrt lässt sich eine Abhängigkeit nicht allein daran erkennen, wie viel oder wie häufig jemand trinkt.
Alkoholkonsum und Alkoholabhängigkeit sind nicht dasselbe
Alkohol ist eine psychotrope Substanz. Das bedeutet, dass er auf das zentrale Nervensystem wirkt und unter anderem Wahrnehmung, Stimmung und Verhalten beeinflussen kann.
Gesundheitliche Probleme im Zusammenhang mit Alkohol werden unter dem Begriff alkoholbezogene Störungen zusammengefasst. Dabei werden verschiedene Formen unterschieden. Für eine erste Einordnung sind insbesondere riskanter Konsum, schädlicher Konsum und Alkoholabhängigkeit relevant.
Bei riskantem Konsum ist noch kein gesundheitlicher Schaden eingetreten. Menge, Häufigkeit oder Situation des Konsums erhöhen jedoch das Risiko dafür.
Von schädlichem Konsum spricht man dagegen, wenn Alkohol bereits die körperliche oder psychische Gesundheit geschädigt hat.
Bei einer Alkoholabhängigkeit stehen andere Merkmale im Vordergrund. Entscheidend ist nicht allein die konsumierte Menge. Vielmehr verändert sich beispielsweise, wie gut eine Person ihren Konsum kontrollieren kann und welche Bedeutung Alkohol in ihrem Leben einnimmt.
Diese Unterscheidung ist für Fachkräfte bedeutsam. Wer häufig Alkohol trinkt, ist nicht automatisch abhängig. Gleichzeitig können alkoholbezogene Probleme vorhanden sein, obwohl eine Person ihren Alltag nach außen weiterhin bewältigt.
(vgl. DHS/BZgA 2023: 8, 54–56)
Welche Anzeichen können auf eine Alkoholabhängigkeit hinweisen?
Ein wichtiges Merkmal einer Alkoholabhängigkeit ist die beeinträchtigte Kontrolle über den Konsum. Betroffenen kann es zunehmend schwerfallen zu bestimmen, wann sie anfangen oder aufhören zu trinken und wie viel Alkohol sie konsumieren.
Ein weiteres mögliches Merkmal ist Craving. Damit ist ein starkes Verlangen nach Alkohol gemeint. Alkohol kann außerdem zunehmend an Bedeutung gewinnen, während andere Interessen und Aktivitäten in den Hintergrund treten. Auch ein fortgesetzter Konsum trotz bereits eingetretener schädlicher Folgen kann eine Rolle spielen.
Hinzu kommen mögliche körperliche Anpassungen. Bei einer Toleranzentwicklung benötigt eine Person mehr Alkohol, um eine ähnliche Wirkung zu erleben. Wird der Konsum nach längerem oder starkem Trinken reduziert oder beendet, können Entzugssymptome auftreten.
Entscheidend ist jedoch: Ein einzelnes Anzeichen ist noch keine Diagnose. Wenn jemand beispielsweise häufiger mehr trinkt als geplant, kann das auf eine beeinträchtigte Kontrolle hinweisen. Daraus allein lässt sich aber nicht ableiten, dass eine Alkoholabhängigkeit vorliegt. Für die Diagnose müssen festgelegte Kriterien erfüllt sein.
(vgl. DHS/BZgA 2023: 55, 71–72; AWMF et al. 2025: 17)
Warum „Der Alltag funktioniert doch“ kein verlässliches Kriterium ist
Gerade im beruflichen Kontakt kann problematischer Alkoholkonsum schwer einzuschätzen sein. Betroffene können ihre Aufgaben weiterhin erledigen, soziale Kontakte pflegen und nach außen wenig auffällig erscheinen.
Dass eine Person ihren Alltag weiterhin bewältigt, reicht deshalb nicht aus, um alkoholbezogene Probleme auszuschließen. Für Fachkräfte ist vielmehr entscheidend, Veränderungen wahrzunehmen und einzelne Beobachtungen nicht vorschnell als Beleg für oder gegen eine Alkoholabhängigkeit zu interpretieren.
Alkoholabhängigkeit ist keine Frage der Willenskraft
Für einen professionellen Umgang mit Betroffenen ist nicht nur Fachwissen über mögliche Anzeichen entscheidend. Ebenso wichtig ist das Verständnis von Alkoholabhängigkeit als Erkrankung.
Menschen mit einer Alkoholabhängigkeit mangelnde Selbstkontrolle oder fehlende Motivation zuzuschreiben, greift zu kurz. Veränderungen von Kontrolle und Verlangen können gerade Teil der Erkrankung sein.
Alkoholabhängigkeit lässt sich zudem nicht auf eine einzelne Ursache zurückführen. Ihre Entstehung kann von verschiedenen Faktoren beeinflusst werden.
Diese Perspektive verändert auch den professionellen Umgang. Betroffene sollten nicht auf ihren Alkoholkonsum reduziert werden. Ihre Fähigkeiten, Bedürfnisse und persönlichen Ziele bleiben relevant. Eine respektvolle, nicht stigmatisierende Sprache gehört deshalb zu einem angemessenen Umgang mit alkoholbezogenen Problemen.
(vgl. DHS/BZgA 2023: 34, 116)
Wann wird ein Alkoholentzug zum Notfall?
Neben Veränderungen im Konsum gibt es Situationen, in denen Fachkräfte besonders aufmerksam werden müssen.
Nach längerem oder starkem Alkoholkonsum können beim Absetzen Entzugssymptome wie Unruhe, starkes Schwitzen, Übelkeit oder Schlafstörungen auftreten. Krampfanfälle oder ein Delir mit Verwirrtheit, Bewusstseinstrübung und Wahrnehmungsstörungen sind medizinische Notfälle und müssen ärztlich behandelt werden.
Ein Alkoholentzug sollte daher nicht allein zu Hause erfolgen, sondern fachgerecht und bei Bedarf medizinisch begleitet werden.
(vgl. AWMF et al. 2025: 17–18; DHS/BZgA 2023: 72, 120–122)
Beobachtungen einordnen, ohne vorschnelle Rückschlüsse zu ziehen
Einzelne Beobachtungen reichen nicht aus, um sicher auf eine Alkoholabhängigkeit zu schließen. Für Fachkräfte ist es deshalb wichtig, Veränderungen im Konsum aufmerksam wahrzunehmen und mögliche Anzeichen im Zusammenhang zu betrachten.
Wenn eine Person beispielsweise häufiger trinkt als früher, mehr konsumiert als geplant oder Alkohol zunehmend an Bedeutung gewinnt, können das relevante Hinweise sein. Entscheidend ist jedoch, daraus keine vorschnellen Rückschlüsse zu ziehen.
So lassen sich alkoholbezogene Probleme aufmerksam und professionell wahrnehmen, ohne Betroffene vorschnell zu bewerten.
Jetzt schulen, um alkoholbezogene Störungen im beruflichen Alltag sicherer einzuordnen
In der Praxis ist die Einordnung häufig schwieriger, als einzelne Merkmale zunächst vermuten lassen. Wann spricht eine Beobachtung für riskanten oder schädlichen Konsum? Welche Hinweise können auf eine Alkoholabhängigkeit hindeuten? Und welche Behandlungs- und Unterstützungsmöglichkeiten gibt es?
Der Relias-Kurs „Alkoholbezogene Störungen verstehen“ (Kursdauer: 30 Minuten) greift diese Fragen auf und erweitert das hier vermittelte Grundlagenwissen. Mitarbeitende in Pflege, Eingliederungshilfe sowie Kinder- und Jugendhilfe erfahren unter anderem, wie biologische, psychische und soziale Faktoren bei der Entstehung einer Alkoholabhängigkeit zusammenspielen, welche Folgen Alkoholkonsum für Körper, Psyche, Denken und soziales Leben haben kann und welche Behandlungs- und Unterstützungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen.
Anhand des fortlaufenden Fallbeispiels von Frau Stockmann wenden die Teilnehmenden das Wissen auf konkrete Situationen an. Sie üben, unterschiedliche Formen alkoholbezogener Probleme voneinander abzugrenzen, mögliche Merkmale einer Alkoholabhängigkeit einzuordnen und Behandlungs- und Unterstützungsmöglichkeiten zu unterscheiden. So unterstützt der Kurs dabei, Beobachtungen im beruflichen Alltag fachlich fundierter einzuordnen.
Quellen
AWMF – Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften et al. (2025): S3-Leitlinie Screening, Diagnose und Behandlung alkoholbezogener Störungen, AWMF-Registernummer 076-001, verlängerte Fassung 2025 [online, zuletzt abgerufen am 02.09.2026].
DHS – Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen / BZgA – Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (2023): Alkoholabhängigkeit, Suchtmedizinische Reihe, Bd. 1 [online, zuletzt abgerufen am 02.09.2026].
