Ob im Krankenhaus, in der stationären Langzeitpflege oder in der ambulanten Versorgung – Aufgaben werden täglich zwischen Berufsgruppen übertragen. Gerade in angespannten Situationen wie Nacht- oder Wochenenddiensten entsteht dabei häufig Unsicherheit. Viele Pflegefachpersonen fragen sich, welche Tätigkeiten sie übernehmen dürfen, wo ihre Verantwortung beginnt oder endet, und welche Risiken bestehen. Diese Unsicherheit führt nicht selten dazu, dass Aufgaben übernommen werden, ohne die rechtlichen Rahmenbedingungen zu kennen. Ein sicherer Umgang mit Delegation kann Patient*innen schützen und gibt Fachpersonen Handlungssicherheit.
Die neue Folge „Delegation – Wann darf, muss oder kann ich was machen?“ von „Sag mal…? Der Relias Podcast“ greift genau diese Fragen auf. Im Gespräch zwischen dem Gesundheits- und Krankenpfleger Robert Rath und dem Fachanwalt für Medizinrecht Frank Sarangi mit eigenem Podcast wird deutlich, dass Delegation kein rechtliches Minenfeld ist, sondern ein zulässiges und notwendiges Instrument im Gesundheitswesen, wenn sie fachlich sauber und organisatorisch gut umgesetzt wird.
Für wen ist der Podcast geeignet?
- Mitarbeitende in der Pflege und medizinischen Versorgung in ambulanter Pflege, stationärer Pflege und im Krankenhaus
Delegation und Substitution klar unterscheiden
Im pflegerischen Alltag werden die Begriffe Delegation und Substitution häufig vermischt. Juristisch handelt es sich jedoch um zwei klar zu unterscheidende Konzepte. Von Delegation spricht man, wenn eine Tätigkeit von einer Person ausgeführt wird, die eigentlich einer anderen Berufsgruppe zugeordnet ist. Typischerweise entscheidet dabei eine Ärztin*ein Arzt über das Ob einer Maßnahme, während die Pflegefachperson für das Wie der Durchführung verantwortlich ist. Die Entscheidungsebene bleibt also bei der delegierenden Person, während die Durchführungsebene übertragen wird.
Substitution geht einen Schritt weiter. Hier fallen Entscheidungs- und Durchführungsebene zusammen. Pflegefachpersonen entscheiden eigenständig, ob und wie eine Maßnahme durchgeführt wird.
Was delegierende Personen beachten müssen
Aus ärztlicher Sicht ist Delegation an klare Voraussetzungen geknüpft. Wer eine Aufgabe überträgt, muss zunächst prüfen, ob die ausführende Person fachlich geeignet ist. Diese Einschätzung orientiert sich an Ausbildung, Erfahrung und gegebenenfalls zusätzlichen Qualifikationen. Ist eine Maßnahme nicht Teil der regulären Ausbildung, entsteht eine Pflicht zur Anleitung und Einweisung. Delegation bedeutet also nicht, Verantwortung abzugeben, sondern Verantwortung strukturiert zu teilen.
Hinzu kommt die fortlaufende Überwachungspflicht. Delegierende Personen müssen sich regelmäßig davon überzeugen, dass die übertragenen Tätigkeiten korrekt durchgeführt werden. Wie intensiv diese Kontrolle ausfällt, hängt von der Erfahrung der ausführenden Person und der Komplexität der Maßnahme ab. Eine starre Vorgabe, wie oft kontrolliert werden muss, existiert nicht. Entscheidend ist eine realistische, risikoorientierte Einschätzung im Einzelfall.
Pflegefachpersonen zwischen Kompetenz und Verantwortung
Für Pflegefachpersonen beginnt Delegation mit einer ehrlichen Selbstprüfung. Wer eine Aufgabe übernimmt, muss fachlich dazu in der Lage sein. Eine Tätigkeit muss abgelehnt werden, wenn sie nicht sicher beherrscht wird. Auch wenn diese Haltung im stressigen Pflegealltag schwer umzusetzen ist, schützt sie Fachpersonen vor erheblichen rechtlichen Konsequenzen und die betroffene Person vor möglichem Schaden.
Neben der eigenen Kompetenz spielt die inhaltliche Richtigkeit der Anordnung eine zentrale Rolle. Pflegefachpersonen sind verpflichtet, ärztliche Anordnungen kritisch zu prüfen. Bestehen Zweifel an der Angemessenheit oder Sicherheit einer Maßnahme, greift die sogenannte Remonstrationspflicht. Diese verpflichtet dazu, Bedenken zu äußern und eine erneute Prüfung einzufordern.
Delegation innerhalb der Pflege
Delegation findet nicht nur zwischen Ärzt*innen und Pflegefachpersonen statt, sondern auch innerhalb der Pflege. Wenn Aufgaben an Pflegeassistenz- oder Pflegehilfspersonen übertragen werden, sollten im Kern dieselben Maßstäbe gelten. Pflegefachpersonen müssen sicherstellen, dass die ausführende Person die Aufgabe fachlich beherrscht. Ist dies nicht der Fall, besteht eine Anleitungspflicht oder die Aufgabe kann nicht delegiert werden. Darüber hinaus bleibt die Pflicht zur stichprobenartigen Kontrolle bestehen. Delegation innerhalb der Pflege ist damit kein Freibrief, sondern Teil professioneller Verantwortung.
Verantwortung und Haftung realistisch einschätzen
Die Frage nach Haftung ist eine der größten Sorgen im Zusammenhang mit Delegation. Grundsätzlich gilt, dass Verantwortung dort entsteht, wo ein Fehler passiert. Ist bereits die Anordnung fehlerhaft, liegt die Verantwortung bei der delegierenden Person beziehungsweise bei der Einrichtung. Wird eine Maßnahme korrekt angeordnet, aber fehlerhaft durchgeführt, trägt die ausführende Person die Verantwortung für diesen Fehler.
In vielen Fällen handelt es sich jedoch um geteilte Verantwortung. Wer eine fehlerhafte Anordnung erkennt und dennoch umsetzt, kann gemeinsam mit der delegierenden Person haftbar gemacht werden. Dieses Zusammenspiel zeigt, dass Delegation kein einseitiger Vorgang ist, sondern auf gegenseitiger fachlicher Verantwortung beruht.
Besonderheiten in Notfallsituationen
Notfallsituationen stellen eine besondere Herausforderung dar. Wenn akute Gefahr für Patient*innen besteht und die fachlich zuständige Person nicht unmittelbar verfügbar ist, gelten weniger strenge Maßstäbe. Der rechtfertigende Notstand nach § 34 StGB erlaubt es, Maßnahmen zu ergreifen, um schwere gesundheitliche Schäden abzuwenden. Voraussetzung bleibt jedoch, dass die handelnde Person die Maßnahme grundsätzlich beherrscht.
In der Praxis bedeutet dies, dass auch Pflegeassistenzpersonen in akuten Situationen tätig werden dürfen, wenn keine Alternative besteht und Untätigkeit größeren Schaden verursachen würde. Gleichzeitig gilt, dass niemand verpflichtet ist, Maßnahmen durchzuführen, die er oder sie fachlich nicht beherrscht. In solchen Fällen müssen die verfügbaren Kompetenzen genutzt werden, um die Situation bestmöglich zu stabilisieren.
Qualifikation, Schulung und Organisation
Eine rechtssichere Delegation setzt strukturierte Qualifikations- und Schulungskonzepte voraus. Einrichtungen sind gut beraten, klare Regelungen darüber zu schaffen, welche Tätigkeiten delegiert werden dürfen und welche Qualifikationen dafür erforderlich sind. Schulungen, praktische Einweisungen und Prüfungen sollten dokumentiert werden. Diese Dokumentation dient nicht nur der Qualitätssicherung, sondern erfüllt auch die Organisationspflichten des Arbeitgebers.
Standard Operating Procedures (SOPs) können dabei unterstützen, Abläufe zu vereinheitlichen und Handlungssicherheit zu schaffen. Sie ersetzen jedoch nicht die individuelle Verantwortung, sondern zeigen, dass eine Einrichtung ihre Prozesse systematisch organisiert hat.
Grenzen der Delegation erkennen
Nicht jede Tätigkeit eignet sich zur Delegation. Besonders heikel sind Maßnahmen, die zum ärztlichen Kernbereich gehören. Dazu zählen hochkomplexe, besonders risikobehaftete Interventionen, bei denen spezielles ärztliches Fachwissen für das Komplikationsmanagement erforderlich ist. Die erstmalige Gabe eines Chemotherapeutikums ist ein klassisches Beispiel für eine Maßnahme, die nicht delegiert werden sollte.
Fazit und Ausblick
Delegation ist ein unverzichtbarer Bestandteil moderner Pflegepraxis. Sie ermöglicht effiziente Zusammenarbeit, nutzt vorhandene Kompetenzen und trägt zur Versorgungssicherheit bei. Gleichzeitig erfordert sie Klarheit über Rollen, Verantwortlichkeiten und rechtliche Rahmenbedingungen. Wer Delegation professionell organisiert, stärkt nicht nur die eigene Handlungssicherheit, sondern auch die Qualität der Versorgung von Patient*innen.
Gerade vor dem Hintergrund gesetzlicher Entwicklungen, die Pflegefachpersonen mehr Eigenverantwortung zuschreiben, gewinnt fundiertes Wissen über Delegation weiter an Bedeutung. Der Relias-Podcast greift diese Themen praxisnah auf und bietet wertvolle Orientierung für den Berufsalltag.
Neben den vorgestellten Themen in diesem Artikel, können Sie im Podcast zusätzliche Tipps vom Fachanwalt im lockeren Gespräch hören. Der rund 30-minütige Podcast verbindet rechtliche Expertise mit pflegerischer Praxis, greift typische Alltagssituationen auf und vermittelt Sicherheit im Umgang mit Delegation. Fachkräfte profitieren von realitätsnahen Beispielen, rechtlichen Erläuterungen und konkreten Handlungsempfehlungen für eine verantwortungsvolle Zusammenarbeit im interdisziplinären Team, z. B. zur korrekten Dokumentation und vielem mehr.
Wie kann Relias Ihnen dabei helfen, die Delegation von Behandlungspflege in Ihrer Pflegeeinrichtung zu strukturieren?
Neben unserem Kursangebot haben wir auch eine Lösung dafür entwickelt, wie Sie in Ihrer Pflegeeinrichtung die Delegation bestimmter behandlungspflegerischer Tätigkeiten von Pflegefachpersonen auf Pflegehilfs- und Assistenzpersonen digital strukturieren können, um die fachliche Kompetenz bei der Tätigkeit zu gewährleisten. Hier können Sie zu unserem digitalen Delegations-Tool Relias MQ erfahren.
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Quellenverzeichnis
Sarangi, F./Rath, R. (2026): Delegation – Wann darf, muss oder kann ich was machen?, in: Sag mal…? Der Relias Podcast, Deutschland.