Schlafen im Schichtdienst: Was den Schlaf stört und was ihn fördert 

Inhaltsverzeichnis

Lesedauer: 4 Minuten

Die Scheibe vor dem Kopf: ein bekanntes Gefühl mit biologischer Erklärung

Viele Menschen im Schichtdienst kennen dieses Gefühl: Man ist wach, aber nicht richtig da. Der Körper funktioniert, aber Konzentration, Reaktionsfähigkeit und Stimmung sind gedämpft. Besonders nach Nachtschichten fühlt sich der Tag manchmal an, als hätte man eine Scheibe vor dem Kopf. 

Eine wichtige Erklärung dafür ist die innere Uhr des Körpers. Sie steuert, wann wir wach, leistungsfähig, hungrig oder müde sind. Im Schichtdienst läuft der Alltag jedoch oft gegen diesen Rhythmus: Nachts soll man aufmerksam arbeiten, obwohl der Körper auf Ruhe eingestellt ist. Tagsüber soll man schlafen, obwohl die innere Uhr Wachheit vorgibt. Hinzu kommen die äußeren Bedingungen der Tageszeit: Licht, Lärm, Wärme und das soziale Leben fördern Wachheit. 

Die innere Uhr stellt sich bei Schichtdienst nicht einfach um. Sie folgt einem biologischen Rhythmus, der Schlaf, Wachheit und weitere Körperprozesse steuert und durch äußere Zeitgeber wie Licht und Tageszeit beeinflusst wird. 

müde Pflegefachperson im Schichtdienst

Warum schlechter Schlaf mehr als nur Müdigkeit verursacht

Die innere Uhr wird auch zirkadianer Rhythmus des Körpers genannt. Gemeint ist ein etwa 24-stündiger Rhythmus, nach dem viele Körperfunktionen ablaufen. Für den Schichtdienst ist das wichtig, weil sich nicht nur die Schlafenszeit verschiebt. Auch Hunger, Körpertemperatur, Blutdruck, Stimmung, Stoffwechsel und Immunsystem folgen zeitlichen Mustern, die von der inneren Uhr beeinflusst werden. 

Für Erholung zählt neben der Schlafdauer auch die Schlafqualität. Gesunder Schlaf besteht aus verschiedenen Phasen, unter anderem Tiefschlaf und REM-Schlaf. Tiefschlaf unterstützt vor allem die körperliche Erholung, REM-Schlaf vor allem die geistige Erholung. Wer zur biologisch ungünstigen Zeit schläft, Alkohol als Einschlafhilfe nutzt oder regelmäßig Schlafmittel einnimmt, erreicht oft nicht die Schlafqualität, die Körper und Geist für echte Erholung brauchen. 

Gerade im Gesundheitswesen ist das relevant. Wer müde, benommen oder weniger konzentriert arbeitet, kann leichter etwas übersehen, langsamer reagieren und weniger sicher entscheiden.

Wie Sie rund um Nachtschichten besser schlafen können

Vor der Nachtschicht liegt der Gedanke nahe, „vorzuschlafen“. Das kann kurzfristig entlasten, stellt die innere Uhr aber nicht einfach um. Verlassen Sie sich deshalb nicht darauf, dass zusätzliche Stunden Schlaf im Voraus den biologischen Rhythmus ausgleichen. Entscheidender ist, was Sie während und nach den Nachtschichten tun. 

Während der Nachtschicht kann Koffein helfen, wach und aufmerksam zu bleiben. Wichtig ist dabei der Abstand zum geplanten Schlaf: Kaffee, schwarzen Tee oder andere koffeinhaltige Getränke sollten Sie mindestens 3 Stunden vorher meiden – besser noch 5 Stunden. Sonst sind Sie nach der Schicht zwar müde, können aber trotzdem schlecht einschlafen. 

Versuchen Sie nach der Nachtschicht nicht, den Körper abrupt in den Schlafmodus zu zwingen. Gönnen Sie sich einen kurzen Ruhepuffer, besonders nach stressreichen Diensten. Vermeiden Sie außerdem große Mahlzeiten direkt vor dem Schlafengehen, weil Verdauung den Körper zusätzlich aktiviert. 

Für den Tagesschlaf sollten Sie nachtähnliche Bedingungen schaffen: Dunkelheit, Ruhe und Kühle, denn Licht, Lärm und Wärme fördern Wachheit. Verdunkelungsvorhänge und Ohrstöpsel können helfen. Eine Raumtemperatur um 16 bis 18 Grad wäre optimal. 

Alkohol ist keine gute Einschlafhilfe. Er kann zwar schläfrig machen, stört aber die erholsamen Tiefschlaf- und REM-Phasen. Eine Betäubung mit Alkohol ist kein echter Schlaf. 

Schlafmittel sind ebenfalls keine Routine-Lösung für den Schichtdienst. Viele können über die Schlafenszeit hinaus wirken, Nebenwirkungen verursachen oder zu Gewöhnung führen. Vor allem lösen sie nicht das zugrunde liegende Problem: dass Schlafbedarf, innere Uhr und Schichtdienst oft schlecht zusammenpassen.

5 Impulse für besseren Schlaf im Schichtdienst

Schlaf kann durch viele Faktoren beeinflusst werdenEine systematische Prüfung lohnt sich.

Prüfen Sie Ihre Schlafumgebung

Für den Tagesschlaf nach einer Nachtschicht sind nachtähnliche Bedingungen besonders wichtig. Licht, Geräusche und Wärme können dazu führen, dass der Schlaf oberflächlicher wird oder früher endet. Dunkelheit, Ruhe und Kühle fördern das Einschlafen und unterstützen längeren, erholsameren Schlaf. Verdunkelungsvorhänge, Schlafmaske, Ohrstöpsel oder eine kühl gehaltene Schlafumgebung können den Unterschied machen.

Nehmen Sie Grübeln ernst

Wenn Gedanken Sie wachhalten, hilft es oft nicht, sich im Bett hin und her zu wälzen. Stehen Sie lieber kurz auf, setzen Sie sich an einen ruhigen Ort und denken Sie bewusst nach oder notieren Sie, was Sie beschäftigt. Wenn Sie merken, dass kein neuer Gedanke mehr dazukommt und Sie wieder müde werden, gehen Sie zurück ins Bett.

Achten Sie auf Koffein, Alkohol und Medikamente

Koffein kann in der Nachtschicht helfen, Wachheit und Aufmerksamkeit zu stabilisieren. Planen Sie den letzten Kaffee aber vom gewünschten Schlafbeginn aus rückwärts. Koffein kann noch mehrere Stunden später das Einschlafen erschweren. Alkohol ist keine geeignete Einschlafhilfe, weil er die Schlafqualität stark mindern kann. Wenn Sie ohne Alkohol nicht schlafen können, sollten Sie medizinischen Rat suchen. Auch Schlafmittel sollten keine Routine-Lösung für den Schichtdienst sein. Sie können über die Schlafenszeit hinaus Wachheit und Konzentration vermindern, Nebenwirkungen verursachen oder zu Gewöhnung führen. Vor allem lösen sie nicht die zugrunde liegende Spannung: dass Schlafbedarf, innere Uhr und Schichtdienst oft schlecht zusammenpassen.

Denken Sie auch an Erkrankungen

Anhaltende Schlafprobleme müssen nicht allein am Schichtdienst liegen. Psychische Belastungen, depressive Phasen, Atemprobleme, nächtlicher Husten oder andere Erkrankungen können Schlaf zusätzlich beeinträchtigen. Wenn Schlaf dauerhaft nicht erholsam ist, sollten Sie das medizinisch abklären lassen.

Klären Sie Schmerzen als Schlafstörer ab

Schmerzen können das Einschlafen erschweren sowie Qualität und Dauer des Schlafes beeinträchtigen. Wenn Schmerzen regelmäßig Ihren Schlaf stören, sollten Sie die Ursachen der Schmerzen abklären und behandeln lassen.

Schlafgesundheit im Schichtdienst

Wenn Anpassen nicht reicht

Schlafprobleme im Schichtdienst sollten Sie weder als persönliche Schwäche noch als unvermeidliches Berufsrisiko hinnehmen. Wer gezielt auf Schlafumgebung, Koffein, Alkohol und Erholungsphasen achtet, kann seinen Schlaf oft verbessern. 

Schichtarbeit passt dennoch nicht zu jedem Menschen und nicht in jede Lebenssituation. Wenn Sie trotz angepasster Routinen dauerhaft schlecht schlafen, sich nicht mehr ausreichend erholen oder gesundheitliche Beschwerden zunehmen, kann auch ein Wechsel in ein anderes Schichtmodell oder aus der Schichtarbeit heraus sinnvoll sein. 

Relias-Podcast Schlafgesundheit im Schichtdienst 

Im Relias-Podcast „Schlafgesundheit im Schichtdienst“ spricht Robert Rath mit Dr. Justus de Zeeuw darüber, warum Schichtdienst den Schlaf belasten kann und welche Möglichkeiten Schichtarbeitende haben, ihre Schlafqualität zu verbessern. 

Robert Rath bringt dabei seine Erfahrung als Gesundheits- und Krankenpfleger sowie seine Perspektive aus der Kursentwicklung bei Relias ein. 

Dr. Justus de Zeeuw ordnet das Thema aus schlafmedizinischer Sicht ein: Er ist Internist, Pneumologe und Schlafmediziner und erläutert, welche Rolle die innere Uhr, Schlafphasen, Koffein, Alkohol und Schlafumgebung für erholsamen Schlaf im Schichtdienst spielen. 

Hören Sie den Podcast zum Beispiel hier:

war mehrere Jahre als Krankenpfleger in der ambulanten Pflege tätig. Er erwarb den akademischen Grad Magister Artium in Germanistik an der Freien Universität Berlin. Nach seinem Studium arbeitete er als Texter, Lektor und Redakteur in der Unternehmenskommunikation großer Sozial- und Gesundheitsunternehmen – zum Beispiel der Johannesstift Diakonie und der Berliner Stephanus-Stiftung. Bevor er als Fachautor 2022 ins Relias-Team kam, schrieb er freiberuflich für die Patientenedukation in bariatrischen und thoraxchirurgischen Kliniken, in Adipositaszentren sowie für eine psychoonkologische Gesundheits-App.
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