Pflegewissen ist vorhanden, braucht aber eine übertragbare Form
In der Pflege ist viel Wissen vorhanden: in der Expertise von Pflegefachpersonen, in den Erfahrungen von Teams und in den Abläufen der Versorgungspraxis. Doch dieses Wissen wird nicht automatisch so weitergegeben und verankert, dass es organisationsweit wirksam wird.
Bleibt Pflegewissen an einzelne Personen, Teams oder Situationen gebunden, lässt es sich nur begrenzt übertragen und kaum systematisch weiterentwickeln. Bei personellen oder organisatorischen Veränderungen verschwindet es dann ganz oder teilweise.
Genau hier setzen die Expertenstandards des Deutschen Netzwerks für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP) an: Sie geben pflegerischem Wissen eine verbindliche und überprüfbare Form und machen es damit über einzelne Personen und Teams hinaus nutzbar.
Expertenstandards bündeln pflegerisches Wissen evidenzbasiert, übersetzen es in ein professionell abgestimmtes Qualitätsniveau und schaffen damit eine Grundlage, auf der Organisationen Pflegewissen verbindlicher verankern, weiterentwickeln und weitergeben können.
(vgl. Büscher 2026; Müller 2026)
Expertenstandards als professionell abgestimmtes Pflegewissen
Expertenstandards behandeln Themen wie Dekubitusprophylaxe, Sturzprophylaxe, Schmerzmanagement oder Entlassungsmanagement. Sie werden regelmäßig aktualisiert und greifen damit zentrale Anforderungen an eine fachlich fundierte pflegerische Versorgung auf.
Das Besondere ist ihre Entstehungslogik: Sie werden innerhalb der Berufsgruppe entwickelt. An ihrer Erarbeitung wirken pflegewissenschaftliche Leitungen, Expertenarbeitsgruppen aus Pflegepraxis und Pflegewissenschaft sowie eine breite pflegerische Fachöffentlichkeit mit. Der Verständigungsprozess zwischen allen Beteiligten ist dabei zentral. Er ist die Grundlage für die hohe Akzeptanz der Expertenstandards. Pflegefachpersonen erkennen sich in ihnen wieder, weil die eigene Berufsgruppe sie entwickelt hat.
Inhaltlich bündeln Expertenstandards die verfügbare wissenschaftliche Evidenz zu einem Thema und übersetzen sie in konkrete Kriterien und Begründungen für pflegerisches Handeln. Sie benennen, was gute Pflege in einem bestimmten Versorgungsbereich bedeutet, und machen dieses Qualitätsniveau für Einrichtungen, andere Berufsgruppen und Leistungsträger transparent.
(vgl. Büscher 2026)
Was Expertenstandards mit implizitem Wissen machen
Vieles von dem, was erfahrene Pflegefachpersonen können, lässt sich nicht vollständig in Worte fassen. Es zeigt sich im professionellen Blick für Veränderungen, im situativen Urteil und in der Fähigkeit, Risiken frühzeitig zu erkennen, noch bevor sie sich in messbaren Parametern abbilden. Dieses Wissen ist für professionelles Handeln nicht weniger bedeutsam als explizites Wissen. Aber es ist stark personengebunden und für andere oft nur begrenzt zugänglich.
Expertenstandards überführen Teile dieses akkumulierten Erfahrungswissens in eine Form, die in Organisationen gemeinsam nutzbar wird. Die Grundlage dafür sind die systematische Evidenzsynthese und der berufsinterne Verständigungsprozess. Das Ergebnis sind Struktur-, Prozess- und Ergebniskriterien, die pflegerisches Handeln beschreibbar, diskutierbar und überprüfbar machen. Vollständig ist diese Übersetzung nicht, denn implizites Wissen lässt sich nicht restlos kodifizieren.
Das erklärt, warum Expertenstandards mehr sind als reine Handlungsempfehlungen oder Qualitätsdokumente. Sie machen sichtbar, was professionell abgestimmtes Pflegewissen in einem bestimmten Versorgungsbereich bedeutet — auch dort, wo es zuvor vor allem implizit vorlag. Damit schaffen sie eine gemeinsame Grundlage, auf der Teams über dieses Wissen sprechen, es hinterfragen und es weiterentwickeln können.
Wie diese Übersetzung in die Praxis von Einrichtungen getragen wird, zeigt das Implementierungsmodell des DNQP.
(vgl. Müller 2026; Büscher 2026)
Wie Expertenstandards Wissenstransfer strukturieren
Um das in Expertenstandards gebündelte Pflegewissen wirksam in Einrichtungen zu verankern, hat das DNQP ein 4-Phasenmodell entwickelt, das einer klaren Wissenstransfer-Logik folgt:
- Die erste Phase besteht aus Informations- und Fortbildungsveranstaltungen zum jeweiligen Standardthema. Pflegefachpersonen befassen sich dabei mit den Qualitätsrisiken, den fachlichen Anforderungen und den Kriterien, an denen sich gute pflegerische Praxis in diesem Bereich orientieren soll.
- Die zweite Phase dient der Übertragung des Standards auf die konkreten Bedingungen der Einrichtung. Die Beteiligten klären hier die Auswirkungen auf bestehende Abläufe, bestimmen vorhandene Anknüpfungspunkte und identifizieren den Anpassungsbedarf.
- Die dritte Phase umfasst die angeleitete Erprobung in der Praxis. Die Teams setzen die Kriterien des Expertenstandards im Arbeitsalltag um, während projektverantwortliche Personen und Arbeitsgruppen die Einführung begleiten, Rückfragen klären und die Anwendung supervidieren.
- Die vierte Phase bildet das Audit. Dabei prüfen die projektverantwortlichen Personen und die beteiligten Arbeitsgruppen gemeinsam mit der Einrichtung, ob und wie gut die Kriterien des Standards im Versorgungsalltag umgesetzt werden. Grundlage sind Befragungen von pflegebedürftigen Menschen, An- und Zugehörigen sowie Pflegefachpersonen und die Auswertung der Pflegedokumentation.
Dieses Vorgehen ist ein strukturierter Prozess, in dem pflegerisches Wissen schrittweise in die Praxis der Einrichtung überführt wird: von der Evidenz über die professionelle Auseinandersetzung bis hin zur einrichtungsspezifischen Umsetzung. Jede Phase verankert das Wissen auf einer anderen Ebene: fachlich, organisational und praktisch.
(vgl. Büscher 2026)
DNQP-Phasenmodell zur modellhaften Implementierung von Expertenstandards © MWV
Wie das Phasenmodell Wissenstransfer konkret unterstützt
Das DNQP-Phasenmodell sorgt dafür, dass Wissen in der Organisation auf mehreren Ebenen verankert wird. Besonders deutlich wird das an 3 Mechanismen.
- Der erste Mechanismus ist die Entwicklung einrichtungsinterner Verfahrensregelungen. Die Implementierung eines Expertenstandards verlangt von Einrichtungen, ihre Vorgehensweisen und Verantwortlichkeiten schriftlich zu klären. Dabei liegt der eigentliche Wert im Prozess der Verständigung: Wer ist wofür zuständig? Was gilt bislang als übliche Praxis? Und was muss verändert werden? Diese Auseinandersetzung macht Zusammenarbeit verbindlicher und erhöht die Handlungssicherheit im Alltag.
- Der zweite Mechanismus ist die interprofessionelle Abstimmung. Die Themen der Expertenstandards – etwa Entlassungsmanagement oder Mundgesundheit – lassen sich nicht innerhalb der Pflege allein bearbeiten. Die Implementierung zwingt dazu, Schnittstellen zwischen Pflege, Medizin und weiteren Berufsgruppen ausdrücklich zu klären. Wissen, das zuvor eher informell oder nebeneinander gehandhabt wurde, erhält so eine gemeinsam abgestimmte Form.
- Der dritte Mechanismus ist das Audit. Es überführt den Implementierungsprozess in einen kontinuierlichen Lernzyklus. Dabei wird aus 3 Perspektiven überprüft, wie gut die Kriterien des Standards im Versorgungsalltag umgesetzt werden: aus der Sicht der pflegebedürftigen Menschen, der Pflegefachpersonen und der Pflegedokumentation. Dadurch wird pflegerisches Handeln sichtbarer und überprüfbarer, was auch motivierend wirken kann.
(vgl. Büscher 2026; Maucher 2026)
Eine Transferlogik, die über die Expertenstandards hinaus wirkt
Einrichtungen, die Expertenstandards konsequent implementieren, lernen dabei auch, wie organisationaler Wissenstransfer über die Einführung einzelner Standards hinaus funktionieren kann. Sie übertragen die projektorientierte Vorgehensweise des DNQP-Phasenmodells auf den Umgang mit Wissen, das nicht unmittelbar an einen Expertenstandard gebunden ist.
Das zeigt sich auch dort, wo Einrichtungen bereits eigene Strukturen für den Wissenstransfer aufgebaut haben. Pflegeexpertengruppen greifen Wissen aus dem Pflegealltag systematisch auf, bereiten es fachlich auf und führen es über strukturierte Lernformate wieder in die Praxis zurück. Anschließend beobachten sie, wie dieses Wissen im Versorgungsalltag angewendet und weiterentwickelt wird. Das folgt keiner Logik punktueller Fortbildungen, sondern einem zirkulären Prozess, der Wissen kontinuierlich aufnimmt, prüft und in die Praxis zurückführt.
Beide Ansätze verbindet ein gemeinsames Grundprinzip: Wissenstransfer in der Pflege funktioniert nicht als einmaliges Ereignis, sondern als kontinuierlicher, organisational verankerter Prozess. Er braucht klare Strukturen, definierte Verantwortlichkeiten und Verfahren, die sicherstellen, dass Wissen nicht an einzelnen Personen hängen bleibt, sondern im System wirksam wird.
(vgl. Maucher 2026)
Was der Blick über Grenzen zeigt
Nicht nur in Deutschland ist implizites Wissen stark an Personen gebunden und nur schwer systematisch übertragbar. Dasselbe Problem zeigt sich in Pflegesystemen unterschiedlicher Struktur und Größe, unabhängig davon, wie Pflege organisiert, finanziert oder reguliert ist.
Was variiert, sind die Wege, mit diesem Problem umzugehen. In den Niederlanden etwa lässt sich beobachten, dass Pflegestrukturen und -prozesse im Zuge der Digitalisierung stärker darauf ausgerichtet werden, Wissen im Rahmen der Pflegedokumentation systematisch nutzbar zu machen. Die Dokumentation dient dort nicht nur der Nachvollziehbarkeit, sondern auch dem Qualitätslernen und der Prozessverbesserung. Wissen aus dem Versorgungsalltag kann so schneller sichtbar gemacht und in bestehende Strukturen zurückgeführt werden.
Der Vergleich mit dem Phasenmodell des DNQP zeigt, dass die Grundfrage überall dieselbe ist: Wie bekommt pflegerisches Wissen eine Form, die über einzelne Personen hinaus wirksam wird? In Deutschland liegt die besondere Stärke der Expertenstandards in ihrer fachlich abgestimmten und praxisnahen Entstehungslogik sowie in ihrer systematischen Verankerung in den Einrichtungen. Weiterentwicklungspotenzial liegt dort, wo solche bewährten Instrumente noch enger mit dem Wissen verbunden werden, das im Versorgungsalltag täglich neu entsteht.
(vgl. Maassen 2026; Büscher 2026)
Zum Weiterlesen
Die in diesem Beitrag aufgegriffenen Fragen werden in dem von Adrian Thiessen und Carla Eysel herausgegebenen Sammelband „Wissensmanagement im Gesundheitswesen – Zukunftsfähige Strategien für Qualitätsversorgung“ aus verschiedenen Perspektiven vertieft. Menschen mit Expertise aus Wissenschaft und Praxis beleuchten darin unter anderem die theoretischen Grundlagen des Wissensmanagements, die Sicherung impliziten klinischen Wissens, regulatorische Anforderungen sowie neue Ansätze für Lernen und pädagogische Praxis im digitalen Zeitalter.
Eine Einordnung der zentralen Fragestellungen für die Praxis im Gesundheitswesen finden Sie hier.
Quellenverzeichnis
Büscher, A. (2026): Pflegerische Expertenstandards und ihr Beitrag zum Wissensmanagement und zur Organisationsentwicklung, in: Thiessen, A./Eysel, C. (Hrsg.; 2026): Wissensmanagement im Gesundheitswesen – Zukunftsfähige Strategien für Qualitätsversorgung, Berlin, Deutschland: Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, S. 162–169.
Deutsches Netzwerk für Qualitätsentwicklung in der Pflege (DNQP) (2025): Informationen zum DNQP. Hochschule Osnabrück [online, zuletzt abgerufen am 08.04.2026].
Maassen, S. (2026): A look abroad: Transforming Dutch nursing structure and processes for the digital era, in: Thiessen, A./Eysel, C. (Hrsg.; 2026): Wissensmanagement im Gesundheitswesen – Zukunftsfähige Strategien für Qualitätsversorgung, Berlin, Deutschland: Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, S. 201–205.
Maucher, H. (2026): Wissenstransfer in der Pflege: Peer-Learning, digitale Tools und Exzellenzmodelle, in: Thiessen, A./Eysel, C. (Hrsg.; 2026): Wissensmanagement im Gesundheitswesen – Zukunftsfähige Strategien für Qualitätsversorgung, Berlin, Deutschland: Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, S. 152–161.
Müller, M. (2026): Sicherung impliziten Wissens im Gesundheitswesen: Herausforderungen, Lösungen und digitale Transformation, in: Thiessen, A./Eysel, C. (Hrsg.; 2026): Wissensmanagement im Gesundheitswesen – Zukunftsfähige Strategien für Qualitätsversorgung, Berlin, Deutschland: Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, S. 22–32.