Eine Jugendliche zieht sich immer häufiger zurück. Sie sagt Verabredungen ab, schläft schlecht und kommt morgens kaum aus dem Bett. Dinge, die ihr früher wichtig waren, interessieren sie zunehmend weniger. Vielleicht wirkt sie außerdem gereizt oder erschöpft. Ist das eine vorübergehende belastende Phase? Gehört es zur Pubertät? Oder könnten die Veränderungen auf eine Depression hinweisen?
Solche Situationen sind nicht leicht einzuordnen. Depressionen gehören zu den häufigsten psychischen Erkrankungen und können Menschen jeden Alters betreffen (vgl. WHO 2025). Gleichzeitig zeigen sie sich nicht bei allen Menschen gleich. Manche Betroffene wirken vor allem niedergeschlagen, andere eher gereizt oder erschöpft (vgl. AWMF/Zi 2022).
Gerade wenn Sie im Gesundheits- und Sozialwesen arbeiten, können Sie betroffene Menschen früh wahrnehmen. Dabei geht es nicht darum, selbst eine Diagnose zu stellen. Entscheidend ist vielmehr, Warnzeichen zu erkennen, Veränderungen im Zusammenhang zu betrachten und Betroffene dabei zu unterstützen, geeignete Hilfe in Anspruch zu nehmen.
Depression ist mehr als Traurigkeit
Jeder Mensch erlebt Phasen von Traurigkeit, Enttäuschung oder Erschöpfung. Solche Gefühle gehören zum Leben und klingen meist wieder ab. Auch besondere Herausforderungen oder Krisen können vorübergehende Belastungsreaktionen auslösen.
Von Depression wird gesprochen, wenn Beschwerden länger anhalten und Erleben sowie Alltag deutlich beeinträchtigen (vgl. AWMF/Zi 2022). Betroffene fühlen sich häufig niedergeschlagen oder innerlich leer und finden aus eigener Kraft kaum aus diesem Zustand heraus (vgl. Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention o. J.).
Eine Depression kann Denken, Fühlen und Handeln beeinträchtigen, etwa durch Grübeln und Selbstzweifel, anhaltende Niedergeschlagenheit oder Freudlosigkeit sowie Rückzug und verminderte Aktivität im Alltag.
Für den Umgang mit Betroffenen ist eine weitere Unterscheidung wichtig: Die Depression ist keine Charakterschwäche und kein Zeichen mangelnder Willenskraft. Sie ist eine ernst zu nehmende Erkrankung, die behandelt werden kann (vgl. AWMF/Zi 2022).
Nicht ein Merkmal allein entscheidet
Eine Depression zeigt sich selten durch ein einzelnes Merkmal. Auffällig wird meist, dass mehrere Veränderungen über längere Zeit auftreten und die Alltagsbewältigung deutlich beeinträchtigen (vgl. AWMF/Zi 2022).
Für Ihre berufliche Praxis bedeutet das: Betrachten Sie eine Beobachtung nicht isoliert. Fragen Sie sich vielmehr, was sich gegenüber dem bisherigen Verhalten eines Menschen verändert hat. Wie lange bestehen die Veränderungen? Treten mehrere Warnzeichen gemeinsam auf? Und wie stark beeinträchtigen sie den Alltag?
Die Diagnose einer Depression stellen Ärztinnen, Psychotherapeut*innen oder Fachärzt*innen für Psychiatrie beziehungsweise Kinder- und Jugendpsychiatrie (vgl. AWMF/Zi 2022).
Depression kann sich unterschiedlich zeigen
Je nach Alter können depressive Symptome unterschiedlich in Erscheinung treten und vom Umfeld gedeutet werden.
Bei Erwachsenen stehen häufig eine anhaltend gedrückte Stimmung, Interessenverlust und Antriebsmangel im Vordergrund. Alltägliche Aufgaben oder Entscheidungen können schwerfallen und Betroffene ziehen sich möglicherweise zurück. Was das Umfeld vielleicht als Desinteresse oder „Faulheit“ deutet, kann mit der Erkrankung zusammenhängen (vgl. AWMF/Zi 2022).
Bei Jugendlichen können neben Niedergeschlagenheit besonders Gereiztheit, Leistungsabfall in Schule oder Ausbildung und innerer Rückzug auftreten. Auch Konflikte oder riskantes Verhalten können zunehmen. Gerade solche Veränderungen werden leicht als „typische Pubertät“ eingeordnet. Halten sie jedoch über längere Zeit an oder beeinträchtigen sie den Alltag deutlich, sollten sie weiter abgeklärt werden (vgl. AWMF 2025; AWMF/Zi 2022; Piechaczek et al. o. J.).
Bei Kindern können körperliche Beschwerden wie Bauch- oder Kopfschmerzen sowie ausgeprägte Gereiztheit auffallen. Manche reagieren schneller mit Wut und Frustration, andere ziehen sich zurück oder wirken weniger lebhaft. Auch nachlassende schulische Leistungen oder Veränderungen der Spielfreude können Hinweise sein (vgl. AWMF 2025; Piechaczek et al. o. J.).
Depressive Symptome und Diagnosen werden bei Frauen häufiger berichtet beziehungsweise festgestellt als bei Männern. Allerdings sind Veränderungen, die als eher untypisch gedeutet werden, wie Gereiztheit, Anspannung, riskantes Verhalten oder ein erhöhter Alkohol- oder Drogenkonsum, tendenziell öfter bei Männern zu beobachten. Sie sind jedoch nicht spezifisch für eine Depression und sollten immer im Gesamtzusammenhang betrachtet werden (vgl. RKI 2017; Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention o. J.).
Warum einfache Erklärungen zu kurz greifen
Im Alltag wirken einfache Erklärungen schnell plausibel: „Das liegt bestimmt nur am Stress.“ „Das kommt von den sozialen Medien.“ Depressionen lassen sich jedoch nicht auf einen einzelnen Faktor zurückführen.
Zu den Risikofaktoren zählen unter anderem eine familiäre Belastung, körperliche oder psychische Erkrankungen, problematischer Substanzgebrauch sowie belastende Lebensereignisse. Auch soziale Isolation, Konflikte, chronischer Stress, Armut oder Diskriminierung können das Risiko erhöhen (vgl. AWMF/Zi 2022; Berger et al. 2019).
Bei Kindern und Jugendlichen können außerdem Vergleiche in sozialen Medien, Mobbing oder Cybermobbing, Leistungsdruck sowie Schlafmangel durch lange oder spätabendliche Nutzung digitaler Medien zusätzlichen Stress auslösen. Sie verursachen eine Depression jedoch nicht allein. Auch hier wirken meist mehrere Faktoren zusammen (vgl. Piechaczek et al. o. J.).
Für den professionellen Umgang bedeutet das: Vermeiden Sie vorschnelle Ursachenzuschreibungen. Wichtiger ist es, Veränderungen und Belastungen wahrzunehmen, sie wertschätzend anzusprechen und bei Bedarf eine fachliche Abklärung anzuregen.
Suizidgedanken immer ernst nehmen
Suizidgedanken oder suizidale Äußerungen können im Zusammenhang mit einer Depression auftreten und sollten immer ernst genommen werden. Sie selbst müssen keine Diagnose stellen. Sie können solche Äußerungen jedoch wahrnehmen, empathisch ansprechen, aufmerksam zuhören und geeignete professionelle Hilfe hinzuziehen.
Das direkte und wertschätzende Nachfragen nach Suizidgedanken erhöht das Risiko nicht. Es kann Betroffene vielmehr entlasten und den Weg zu weiterer Unterstützung öffnen (vgl. European Alliance Against Depression 2026).
Bei konkreten Suizidabsichten, einem vorhandenen Plan, unmittelbarer Gefahr oder nach einem Suizidversuch sollte die betroffene Person nicht allein gelassen und unverzüglich der Notruf 112 verständigt werden.
Weitere bundesweite Anlaufstellen sind die TelefonSeelsorge unter 116 123 sowie der ärztliche Bereitschaftsdienst unter 116 117.
Mit Relias lernen, Depressionen besser zu verstehen
Im beruflichen Alltag ist die Einordnung depressiver Symptome häufig schwieriger, als sie zunächst vermuten lassen. Wann handelt es sich um vorübergehende Niedergeschlagenheit? Welche Veränderungen können auf eine Depression hinweisen? Welche Besonderheiten gibt es bei Kindern und Jugendlichen? Und wie können Sie Betroffene unterstützen?
Der 30-minütige E-Learning-Kurs von Relias „Depression verstehen“ vermittelt Ihnen und Ihren Mitarbeitenden praxisnahes Grundlagenwissen. Vertiefte medizinische Vorkenntnisse werden nicht vorausgesetzt.
Der Kurs hilft dabei, …
- Depression von vorübergehender Niedergeschlagenheit zu unterscheiden.
- Warnzeichen einer Depression zu benennen und einzuordnen.
- Besonderheiten bei Erwachsenen, Kindern, Jugendlichen und unterschiedlichen Geschlechtern zu beschreiben.
- Risikofaktoren, mögliche Auslöser und Unterstützungsmöglichkeiten für Betroffene zu benennen.
Besonderheiten des Kurses
Anhand des durchgängigen Fallbeispiels der 15-jährigen Lena und ihrer Familie verfolgen Lernende, wie erste Hinweise wahrgenommen, im Gespräch eingeordnet und professionelle Unterstützungsangebote einbezogen werden.
Interaktive Reflexionsaufgaben und praxisnahe Wissensfragen unterstützen dabei, das Gelernte auf den eigenen Berufsalltag zu übertragen. Der Kurs vermittelt außerdem Grundlagen zu Diagnose und Behandlung durch Fachpersonen, zeigt verschiedene Formen professioneller und persönlicher Unterstützung und macht deutlich, was im Umgang mit Betroffenen hilfreich ist und was nicht.
So unterstützt der Kurs dabei, Menschen mit depressiven Symptomen aufmerksam, fachlich fundiert und wertschätzend zu begleiten.
Für wen ist der Kurs geeignet?
Der Kurs richtet sich an Mitarbeitende im Gesundheits- und Sozialwesen, insbesondere in der Pflege, Eingliederungshilfe sowie Kinder- und Jugendhilfe. Er eignet sich für Mitarbeitende, die Menschen mit depressiven Symptomen oder einer Depression im beruflichen Alltag begegnen und ein grundlegendes Verständnis für das Krankheitsbild entwickeln möchten.
Mehr zu psychiatrischen und neurologischen Krankheitsbildern
Sie möchten mehr über psychiatrische und neurologische Krankheitsbilder erfahren? In unserer Blogreihe stellen wir verschiedene Krankheitsbilder vor und geben Einblicke in ihre Besonderheiten und den Umgang mit Betroffenen.
Entdecken Sie auch unsere weiteren Beiträge zu …
- Epilepsie,
- Autismus,
- Parkinson,
- und in Kürze auch zu Schizophrenie, Bipolarer Störung und Alkoholbezogenen Störungen.
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Quellenverzeichnis
äzq – Ärztliches Zentrum für Qualität in der Medizin (Hrsg.) (2022): NVL Unipolare Depression. Information für Patientinnen und Patienten [online, zuletzt abgerufen am 23.06.2026].
AWMF- Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlich-medizinischen Fachgesellschaften e. V. (Hrsg.) (2025): Behandlung von depressiven Störungen bei Kindern und Jugendlichen [online, zuletzt abgerufen am 16.06.2026].
AWMF/Zi – Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlich-medizinischen Fachgesellschaften e. V. / Zentralinstitut für die Kassenärztliche Versorgung in der Bundesrepublik Deutschland (Hrsg.) (2022): Nationale Versorgungsleitlinie (NVL) Unipolare Depression [online, zuletzt abgerufen am 10.06.2026].
Berger, M./van Calker, D./Brakemeier, EL. et al. (2019): Affektive Störungen. In: Psychische Erkrankungen: Klinik und Therapie in Zusammenarbeit mit der Cochrane Deutschland Stiftung. Edinburgh: Elsevier, S. 363–435.
DGKJP – Deutsche Gesellschaft für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie (2026): Depression bei Kindern und Jugendlichen: Neue Empfehlungen für die Behandlung [online, zuletzt abgerufen am 12.06.2026].
European Alliance Against Depression (Hrsg.) (2026): Was Sie über die Erkrankung Depression wissen sollten [online, zuletzt abgerufen am 11.06.2026].
Piechaczek, Ch. et al. (o. J.): Wie erkennt man eine Depression? In: ich-bin-alles.de [online, zuletzt abgerufen am 12.06.2026].
RKI – Robert Koch-Institut (2017): Depressive Symptomatik bei Erwachsenen in Deutschland - Fact sheet - JoHM 3/2017 [online, zuletzt abgerufen am 12.06.2026].
Schneider, Frank (2017): Facharztwissen Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, 2. Aufl., Springer Berlin, Heidelberg [online, zuletzt abgerufen am 15.07.2026].
Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention (o. J.): Depression. Hilfe & Information zum Umgang mit der Erkrankung [online, zuletzt abgerufen am 11.06.2026].
WHO – Weltgesundheitsorganisation (2025): Depressive Störung (Depression) [online, zuletzt abgerufen am 10.06.2026].